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Im Märchenwald vor lauter Bäumen die Folgekosten übersehen

In Kassel wird der Brüder-Grimm-Platz umgestaltet. Laut Entwurf soll ein Märchenwald mit Kiefern, Lichtkonzept und Sprühnebel entstehen. Das Projekt ist bei den Bürgern sehr umstritten. Die Stadt hält jedoch daran fest, wohl auch, weil der Bund den größten Teil des Projekts finanziert. Vor lauter Bäumen übersieht man aber offensichtlich die Unterhaltskosten.

Kassel.Kassel nennt sich auch die „Hauptstadt der Deutschen Märchenstraße“. Besonders stolz ist die Stadt in Nordhessen auf die weltberühmten Brüder Grimm. Die Sprachwissenschaftler und Volkskundler Jacob und Wilhelm Grimm trugen in Kassel nicht nur die „Kinder- und Hausmärchen“ zusammen, auch viele weitere Meilensteine der deutschen Sprachwissenschaft haben sie dort entwickelt. Heute finden sich unter anderem in der Grimmwelt Kassel viele Werke der Märchensammler. Nun möchte die Stadt den ihnen zu Ehren benannten Brüder-Grimm-Platz umgestalten.

Der Platz bildet in Kassel das Gelenk zwischen der Innenstadt und dem UNESCO- Welterbe Bergpark Wilhelmshöhe. In direkter Nachbarschaft zu dem Platz befinden sich das Hessische Landesmuseum, die Murhardsche Bibliothek und künftig auch das Tapetenmuseum, das bereits 2018 ein Schwarzbuch-Fall war. Im gleichen Jahr wurde die Umgestaltung des Platzes beschlossen. Dafür sagte der Bund 2019 eine Förderung in Höhe von 6,5 Mio. Euro im Rahmen des Programms „Nationale Projekte des Städtebaus“ zu – der Anteil der Stadt Kassel liegt bei 3,25 Mio. Euro. Somit belaufen sich die Kosten für die Umgestaltung auf insgesamt 9,75 Mio. Euro. Der Baubeginn ist frühestens ab Ende 2022 vorgesehen.

Die Umgestaltungsentwürfe erinnern allerdings eher an einen Freizeitpark als an einen Stadtplatz. Auf dem 1,5 Hektar großen Platz soll ein grünes Rondell, der sogenannte Märchenwald, entstehen. Um nun eine märchenhafte Atmosphäre zu schaffen, und auch um die historische Blickbeziehung zwischen der Innenstadt und der Wilhelmshöhe zu wahren, sollen in der Mitte des Platzes hochstämmige Kiefern gepflanzt werden. Sie allein sind jedoch offenbar noch nicht märchenhaft genug: Der Kiefernwald soll auch mit einem differenzierten Lichtkonzept ausgestattet werden. Auf 3 Ebenen sollen unterschiedliche Lichtelemente installiert werden, die jeweils an verschiedene Märchen wie den „Sterntaler“, „Der Geist im Glas“ und „Das blaue Licht“ erinnern sollen. Weil das aber alles noch nicht kitschig genug ist, soll ein Sprüh- und Nebelkonzept mit einem speziellen Wassersprühsystem für eine heimelige Atmosphäre sorgen. Neben dem Märchenwald ist auch eine Spielfläche für Kinder geplant, die mit einer besonderen Ausstattung auf die Märchen der Brüder Grimm verweist.

Die Kasseler Bürger sehen den Entwurf teils sehr kritisch. Die Stadt möchte jedoch an den Plänen festhalten, da sonst die Bundesgelder verloren gehen. Damit droht Kassel in die klassische Falle der Mischfinanzierung zu tappen: Der Bund finanziert den Großteil des Projekts, aber dessen Folgekosten muss die Stadt tragen. Die großzügige Finanzspritze des Bundes führt zu Fehlanreizen, sodass die Umgestaltung des Brüder-Grimm-Platzes als leicht finanzierbar erscheint. Es folgt eine übertriebene Vorstellung von einem Märchenwald, ohne an die jährlichen Unterhaltskosten zu denken. Diese werden natürlich nicht vom Bund gedeckt, werden den Stadthaushalt aber dauerhaft belasten. Bei Redaktionsschluss konnte die Stadt deren Höhe noch nicht benennen. Klar ist aber: Es handelt sich um ein großes Wagnis auf Kosten der Steuerzahler.

Der Bund der Steuerzahler meint:
Die Stadt Kassel sieht die Folgekosten vor lauter Bäumen nicht. Natürlich müssen Städte angesichts des Klimawandels grüner werden. Aber ist deswegen ein aufwendiger Märchenwald mit Sprühsystem und Lichtinstallation notwendig? Würden nicht eine schlichte Blumenwiese und Bäume ausreichen? Würde sich die Stadt Kassel ein solches Mammut-Projekt auch dann leisten, wenn keine Bundesgelder geflossen wären? Wohl kaum!

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