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„Ruf mich an“: Hessens Werbekampagne für Anrufe beim Finanzamt

Mitten in der Coronapandemie schaltete das Land Hessen Anzeigen, in denen dafür geworben wurde, bei den örtlichen Finanzämtern anrufen zu können. Was selbstverständlich sein sollte, wird von den Verantwortlichen als besonderer Service in Zeiten geschlossener Verwaltungsgebäude dargestellt. Die Rechnung für die überflüssige Kampagne bekommen die Steuerzahler serviert – ob sie anrufen oder nicht.

Hessen. In Herbst und Winter 2020/2021 lächelte in Zeitungen und sozialen Netzwerken den Hessen eine junge Frau mit der Aufforderung entgegen: „Das klären wir am besten sofort. Telefonisch“. Dabei handelte es sich nicht um Kontaktanzeigen oder Werbung für hochpreisige Abzock-Hotlines, sondern Hinweise auf die Festnetznummer des örtlichen Finanzamts.

Neben dem Wappentier des Landes, dem Hessenlöwen, prangte das Versprechen: „Ihr direkter Draht zu Ihrem Finanzamt für Ihre individuellen Steuerfragen“. Der Bund der Steuerzahler hakte angesichts der staatlichen Werbeflut beim Land nach: Während die Agentur-Kosten für die Erstellung der Werbeanzeigen mit etwas mehr als 1.800 Euro noch relativ überschaubar blieben, wurde die anschließende Veröffentlichung richtig teuer: Die Anzeige erschien zwischen September 2020 und Januar 2021 landesweit in 35 verschiedenen Printpublikationen sowie auf Facebook und Instagram. Die Kosten betrugen rund 210.000 Euro für die Printanzeigen und 1.500 Euro pro Monat für die Anzeigen in den sozialen Medien.

Das Hessische Finanzministerium, als oberste Landesbehörde für die Kampagne verantwortlich, begründete diese mit der Absicht, die während der Coronapandemie „erweiterten telefonischen Servicezeiten hessenweit bekannt zu machen“. Hintergrund seien der durch Corona gestiegene Stellenwert des Bürgerservices und das Ziel, persönliche Vorsprachen in den Finanzämtern zu reduzieren. Inhalte der Gespräche seien vor allem steuerliche Hilfen wie beispielsweise die Herabsetzung von Steuer-Vorauszahlungen, Stundungen, Vollstreckungsaufschub, Anträge auf Verlängerung der Abgabefrist zur Steuererklärung oder der steuerliche Verlustrücktrag. Man habe die „berufliche[n] und existenzielle[n] Folgen“ der Pandemie abmildern wollen. Soweit ist die Begründung nachvollziehbar.

Es bleibt allerdings die Frage, warum so etwas Selbstverständliches wie die telefonische Erreichbarkeit des örtlichen Finanzamts mit dem gönnerhaften Slogan „Sie rufen an. Wir gehen ran.“ beworben werden muss. Die Begründung des Finanzministeriums ist hier wenig überzeugend: Wegen der „gesamtgesellschaftlichen Bedeutung der Steuerverwaltung“ sei es wichtig gewesen, „über die gute und sogar erweiterte telefonische Erreichbarkeit des jeweiligen Finanzamts zu informieren“. Und weiter: „Es war nicht zuletzt auch aus psychologischer Hinsicht geboten, um den Eindruck zu widerlegen, die faktische Schließung der Finanz-Servicestellen für persönliche Vorsprachen würde dazu führen, dass die Steuerverwaltung nicht auf direktem Weg erreichbar sei.“

Diese Argumentation lässt auf ein merkwürdiges Bild von den Bürgern schließen: Zu Beginn dieser Kampagne im September 2020 waren die Pandemiemaßnahmen bereits ein halbes Jahr im Gange. Den meisten Bürgern dürfte daher klar gewesen sein, dass sie sich online oder telefonisch informieren können oder sogar müssen.

Hinzu kommt, dass es sich nicht um ein neues Angebot handelte: Immerhin wurde das Telefon bereits im 19. Jahrhundert erfunden und dürfte sich auch schon vor Corona in der Steuerverwaltung als Kommunikationsmittel etabliert haben. Im Ministerium jedenfalls ist man mächtig

stolz darauf, bereits im April 2019 – also ein Jahr vor der Pandemie – eine landesweit erreichbare Service-Hotline für allgemeine steuerliche Fragen gestartet zu haben. Nachvollziehbare Gründe für eine besondere Notwendigkeit einer derart massiven Werbekampagne gibt es also nicht. Es hätte ausgereicht, auf den Webseiten der Finanzverwaltung oder per Pressemitteilung über den erweiterten telefonischen Service zu informieren.

Der Bund der Steuerzahler kritisiert:
Der in den Anzeigen versprochene „direkte Draht zum Finanzamt“ ist für Steuerzahler eine Selbstverständlichkeit – schließlich wird die Verwaltung von ihren Steuern bezahlt. Dass die Steuerverwaltung die telefonische Erreichbarkeit während geschlossener Servicestellen teuer bewirbt, ist daher nicht nachvollziehbar. Leider ist es nicht das erste Mal, dass die Hessische Landesregierung viel Steuergeld ausgibt, um mit überschaubarem Informationsgehalt für sich zu werben.

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